Montag 11.5.2020: Ein kurzer Bericht aus der Sinziger Musikschule

„Verlorene Kindheit“ – was ist das eigentlich?

Liebe treue Blogleserinnen und -leser, vielleicht geht es Euch auch manchmal so: Am Wochenende bin ich über einen Begriff gestolpert, der sich irgendwie hinten in meinem Hirn festgehakt hat. Von dort hat er ohne Unterlass zart aber unmissverständlich Funksignale gesendet: „Verlorene Kindheit“.

Ich kam auf ihn bei meiner Arbeit mit Kindergartenkindern. Ich fand: Übermut, Albernheit, übersprudelnde Freude, fröhlicher Blödsinn. Sind das heilsame Emotionen, die leicht traumatisierten Kinder gut tun? Könnten das die Elemente sein, die in einer „verlorenen Kindheit“ schmerzlich fehlen?

Meine persönliche Erfahrung im „Live Klangnest, Spaß und singen daheim“ legt genau diesen Schluss nahe. Doch was ist diese „heile Kindheit“ eigentlich, die – offenbar gar nicht so selten – auch verloren gehen kann? Ich erinnere mich jedenfalls, dass beim Aufkommen der ersten Spielkonsolen und der vielen Fernsehstationen der Begriff der „verlorenen Kindheit“ bereits in den 1990er Jahren Konjunktur hatte.

Offenbar ist die „heile Kindheit“ eine dauerhafte Situation, in der ein Kind nur mit Dingen zu tun hat, die es problemlos verarbeiten kann. In der es entspannt spielen kann. Wo es seiner eigenen Natur gemäß seine Umwelt sich erschließen kann. Unwillkürlich nehmen wir an, dass das früher meistens so war. Als ob es früher keine Probleme für Kinder gab: Keine Kinderarbeit. Keinen Krieg. Keine Flucht und Vertreibung. Keine emotional unreifen, suchtkranken oder einfach nur verängstigten Eltern. Keine übergriffigen Angehörigen. Und dass der „Struwelpeter“ mit seinen heute unerträglichen Folterszenen niemals ein in Massen verbreitetes Printprodukt war.

Also gab es die heile Kindheitswelt nirgendwo? Naja, ich denke, die „heile Kindheit“ ist eine Sehnsucht, die in uns allen steckt. Egal wie alt wir sind, und egal wie gut wir es als Kinder hatten. Die Sehnsucht nach Kontakt zum „inneren Kind“, dessen Glück, dessen Zufriedenheit unser Leben erst lebenswert macht.

Vielleicht können wir im „Verlust der Kindheit“ ja einen Gewinn entdecken. Den „Gewinn der eigenen Kindhaftigkeit“. Wir als große, ernste und mächtige Erwachsene würden die mit dem Kind-sein verbundenen Emotionen auch bei uns zulassen, sie als Teil unseres Lebensglücks wertschätzen. Da gäbe es so einiges zu tun. Wenn wir den „Verlust des Urvertrauens“ wirksam bei unseren Schutzbefohlenen heilen wollen, sollten wir bei uns selbst beginnen. Damit wir das Welten-Glück, das Urvertrauen, für andere repräsentieren und ausstrahlen können.

Das wäre mein Herzenswunsch für Euch in dieser Woche. Macht’s gut und bleibt weiter gesund, Euer Thomas Rohde

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1 Kommentar zu „Montag 11.5.2020: Ein kurzer Bericht aus der Sinziger Musikschule“

  1. Lieber Thomas, das sind interessante Gedanken…
    Ich glaube, dass es keine heile Welt geben muss, um eine heile Kindheit haben zu können. Der Trick ist, dass es um das Kind herum Menschen gibt, die ihm dabei helfen, alles zu verarbeiten, auf seine eigene Weise. Die Herausforderungen an die Eltern sind nicht, die Welt auszusperren, oder alles vom Kind ferzuhalten. Natürlich gibt es Dinge, vor denen wir die Kleinen beschützen. Aber bei vielen Dingen ist es eher die Aufgabe, dass die Eltern, Verwandten, Erzieher, Musiklehrer, dass alle die schon groß sind, dem Kind die Hand reichen, wenn es Dinge erlebt, die es noch nicht alleine verarbeiten kann. Ganz oft stehen wir Erwachsenen mit Unverständnis vor den Kleinen. Daraus kann dann mit etwas Geduld und Zugewandheit Verständnis erwachsen und dann können wir ihnen helfen ihren eigenen Weg durch die Emotionen zu finden. Denn darum geht es meistens, dass wir Erwachsenen die Emotionen der Kinder nicht „ertragen“ können und daher eher ablehnen.
    Da können wir jetzt endlos weiter diskutieren 😀 Ich belasse es mal dabei und schicke dir sonnige Grüße! Eva

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